Mit Motivation und Durchhaltevermögen zu einer unwahrscheinlichen Unternehmensnachfolge – mit Nora Achterkerke

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Unternehmensnachfolge als Quereinsteigerin – ohne familiären Hintergrund, ohne Netzwerk, ohne Startkapital: Nora Achterkerke hat genau das geschafft und ist heute Geschäftsführende Gesellschafterin der Achterkerke GmbH.

Aufgewachsen auf Usedom in einfachen Verhältnissen, eine ungewollte Ausbildung mit Durchhaltevermögen durchgezogen, sich den Weg ins Studium selbst erkämpft – und dann durch eine zufällige Begegnung auf einen Lebensweg gebracht, den sie sich selbst nie hätte vorstellen können.

Was klingt wie ein Märchen, ist eine Geschichte über Durchhaltevermögen, das Geschenk des richtigen Mentors – und was passiert, wenn eine Quereinsteigerin konsequent in die Unternehmerwelt hineinwächst.

Das lernst du über Unternehmensnachfolge als Quereinsteiger

  • Wie eine unwahrscheinliche Unternehmensnachfolge durch Vertrauen, Engagement und einen entscheidenden Mentor möglich wurde
  • Warum Quereinsteiger in der Nachfolge manchmal die stärkeren Unternehmer sind – und welche Vorteile ein schwieriger Hintergrund bringen kann
  • Wie man einen Mentor findet – und was die Begegnung mit dem richtigen Menschen im richtigen Moment verändern kann
  • Was die Achterkerke Stiftung tut und wie sie ungeschliffene Talente aus einkommensschwachen Familien fördert
  • Wie Nora Maschinenbau nachstudiert hat, um das Familienunternehmen wirklich zu verstehen – und was das über Bereitschaft zur Nachfolge aussagt

Über den Gast

Nora Achterkerke ist Geschäftsführende Gesellschafterin der Achterkerke GmbH in Braunschweig und Vorstandsmitglied der Achterkerke Stiftung. Sie hat sich ihren Weg von Usedom über eine ungewollte Ausbildung, ein BWL-Studium in Stralsund bis zur Unternehmensführung vollständig selbst erkämpft – unterstützt durch ein Stipendium der Stiftung und die Förderung von Heinz-Egon Achterkerke. Heute engagiert sie sich in der IHK, im AGV-Beirat und bei den Wirtschaftsjunioren.

Mehr über Nora findet Ihr auf LinkedIn – und auf achterkerke-stiftung.de.

Mehr über den Podcast findet Ihr auf www.family-business-talk.de und über mich auf LinkedIn.

Vollständiges Transkript

Aufgewachsen auf Usedom – wo andere Urlaub machen

Constantin: Du bist auf Usedom aufgewachsen, da wo andere Urlaub machen. Aber deine Kindheit war alles andere als Urlaub. Wie war das damals?

Nora Achterkerke: Ich bin hauptsächlich bei meiner Mutter mit meinen zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen. Meine Mutter hat Ferienwohnungen geputzt und war mit uns drei Kindern manchmal überfordert. Ich bin sehr früh in Verantwortung gekommen – nicht nur für mich, sondern auch für meine Brüder und ein Stück weit für meine Mutter. Wenn man dort lebt, wo andere Urlaub machen, sieht man die Boutiquen und Restaurants jeden Tag – und kann sich nie leisten, dort einzukehren. Das war die Parallelwelt, in der ich aufgewachsen bin. Irgendwann habe ich entschieden: Ich investiere in meine Bildung und mache mehr aus meinem Leben.

Ungewollte Ausbildung, erkämpftes Studium

Constantin: Du hast dann eine Ausbildung gemacht – eine, die du eigentlich gar nicht wolltest.

Nora Achterkerke: Eigentlich wollte ich Modedesignerin werden. Das hat nicht geklappt. Über einen Kontakt bin ich zu einer Ausbildungsstelle als Einzelhandelskauffrau gekommen – eine Ausbildung, die ich nie machen wollte. Aber ich wollte keine Lücke im Lebenslauf und habe sie drei Jahre lang durchgezogen. Dann hat mich eine Lehrerin auf die Möglichkeit der Fachhochschulreife hingewiesen. Ich habe selbst recherchiert, bin ein Jahr zu meiner Oma gezogen, täglich nach Wolgast gependelt und habe die Fachhochschulreife mit sehr gutem Ergebnis abgeschlossen. Das hat mir gezeigt: Es geht weiter, wenn man sich bemüht.

Nora Achterkerke: Dann habe ich BWL in Stralsund studiert – ein breites Studium, das mir damals genau richtig erschien, weil ich noch nicht wusste, wo die Reise hingeht. Meine Eltern haben mich dabei kaum begleitet. Meine Mutter wusste zeitweise nicht einmal, was ich studiere. Ich habe alles selbst entschieden.

Die entscheidende Begegnung: Mentor und Stiftung

Constantin: Im Studium gab es eine Begegnung, die dein Leben verändert hat.

Nora Achterkerke: Im zweiten Semester half ich in den Semesterferien unserer Nachbarin bei der Reinigung der Villa Achterkerke auf Usedom. Dort wurde ich von Anne-Kathrin angesprochen, die mich später bat, Heinz-Egon Achterkerke zu besuchen. Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass es dort eine Stiftung gibt. Wir haben uns unterhalten, er hat von seinem eigenen Werdegang erzählt – auch er hatte sich vieles selbst erarbeitet. Er konnte sich gut in meine Situation hineinversetzen und bot mir Unterstützung an.

Nora Achterkerke: Relativ schnell war ich in der Begabtenförderung der Stiftung – Miete, Bücher, Studiengebühren, zwei Sprachreisen nach London. Ich musste nicht mehr nebenbei jobben und konnte mich vollständig auf mein Studium konzentrieren. Im Gegenzug habe ich mich in der Stiftung eingebracht und die Buchhaltung übernommen.

Was einen guten Mentor ausmacht

Constantin: Wie findet man jemanden wie Heinz-Egon Achterkerke – oder wie sucht man aktiv nach einem Mentor?

Nora Achterkerke: Ich habe nie aktiv gesucht – es hat sich ergeben. Aber wenn ich heute suchen würde, würde ich Augen und Ohren offenhalten: im direkten Umfeld, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Ein Mentor muss nicht zwingend finanziell unterstützen – manchmal reicht das Gespräch, der Rat, der Blick von jemandem, der den Weg schon gegangen ist. Ich hatte nicht einmal das in meiner Familie. Alle Entscheidungen habe ich alleine getroffen, ohne Beratung.

Unternehmensnachfolge als Quereinsteigerin: Vom Praktikum zur Geschäftsführerin

Constantin: Wie wird man als Quereinsteigerin zur Geschäftsführenden Gesellschafterin – wie lief diese Unternehmensnachfolge konkret ab?

Nora Achterkerke: Das war ein fließender Übergang. Im fünften Semester machte ich auf Empfehlung von Heinz-Egon ein Praktikum beim Steuerberater in Braunschweig – und merkte schnell, das ist nicht meins. Trotzdem blieb der Kontakt bestehen. Er bot mir an, meine Bachelorarbeit im Controlling des Unternehmens zu schreiben. Danach sagte er: Komm nach Braunschweig, arbeite hier und studiere nebenbei Maschinenbau, damit du verstehst, was in der Firma passiert.

Nora Achterkerke: Also habe ich meine sieben Sachen gepackt, bin nach Braunschweig gezogen, habe an der TU relevante Maschinenbau-Fächer studiert und gleichzeitig als Werkstudentin im Unternehmen gearbeitet. Diese Unternehmensnachfolge als Quereinsteigerin war kein geplanter Karriereweg – sie entstand durch Durchhaltevermögen, Vertrauen und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen.

Vorteile eines schwierigen Hintergrunds

Constantin: Hat es dir Vorteile gegeben, dass du nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen bist?

Nora Achterkerke: Ich weiß mehr zu schätzen, wo ich heute stehe – weil ich weiß, woher ich komme. Es gab auch Mobbing in der Schulzeit, Momente wo man das letzte Glied in der Kette war. Man kann sich dem ergeben oder dagegen ankämpfen. Und als Vorstandsmitglied der Achterkerke Stiftung kann ich mich heute besser in Kinder aus einkommensschwachen Familien hineinversetzen, weil ich diesen Weg selbst gegangen bin.

Constantin: Gleichzeitig ist es kein Schwarz-Weiß-Thema. Wer mit sehr erfolgreichen Eltern aufwächst, hat die andere Herausforderung – eine Messlatte, die vielleicht nicht zu erfüllen ist.

Nora Achterkerke: Genau. Wenn die Messlatte so hoch liegt, dass sie für das Kind nicht erreichbar ist und der Druck zu groß wird, kann das zerbrechen. Ich habe mir meine eigene Messlatte gesetzt – selbst gewählt, nicht aufgezwungen.

Die Achterkerke Stiftung: Ungeschliffene Diamanten fördern

Constantin: Du bist heute auch Vorstand der Achterkerke Stiftung. Was macht ihr dort genau?

Nora Achterkerke: Die Stiftung hat zwei Schwerpunkte: Begabtenförderung und Wertevermittlung. Beim ersten geht es darum, Kinder mit Talent aus einkommensschwachen Familien zu unterstützen – damit dieses Talent nicht verloren geht. Eine aufmerksame Lehrerin, die merkt, dass ein Kind außergewöhnlich gut rechnet oder musikalisch hochbegabt ist, kann auf uns zukommen. Wir fördern dieses Kind dann gezielt.

Nora Achterkerke: Beim zweiten Schwerpunkt geht es um Projekte, die Kindern Werte und Fähigkeiten vermitteln, die sie sonst nicht bekämen. Ein Beispiel: Schüler einer Hauptschule haben einen Stil- und Etikettenkurs absolviert – ein ganzes Wochenende mit echtem Trainer, Abendessen mit Tischmanieren, zum Abschluss ein Zertifikat für die Bewerbungsmappe. Das kann den Unterschied bei einem Ausbildungsplatz ausmachen. Ein anderes Projekt: Schüler, die sich besonders für andere eingesetzt haben, durften mit einem Segelschiff die Insel Usedom vom Wasser aus erleben.