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Nachfolge im Familienunternehmen gelingt nicht durch Zufall – sie gelingt, wenn beide Seiten wirklich wollen, gut planen und rechtzeitig loslassen können.
Gerd Staehle hat die Druckerei seiner Familie in vierter Generation übernommen, über zwei Jahrzehnte durch Krisen geführt und schließlich kurz vor dem 100-jährigen Bestehen verkauft. Ein Gespräch über das, was eine Übergabe wirklich zum Erfolg macht – und was passiert, wenn das Geschäftsmodell irgendwann nicht mehr trägt.
Heute begleitet Gerd als Unternehmensberater andere Familienunternehmen in Restrukturierung und Sanierung – mit dem Erfahrungsschatz eines Unternehmers, der selbst durch heißes Feuer gelaufen ist.
Das lernst du in dieser Folge
- Welche drei Erfolgsfaktoren eine Nachfolge im Familienunternehmen wirklich tragen – und warum Wollen auf beiden Seiten der wichtigste ist
- Wie eine schrittweise Übergabe konkret aussieht – vom Vier-Tage-Modell bis zum vollständigen Rückzug
- Warum externe Berufserfahrung vor dem Einstieg ins Familienunternehmen entscheidend ist
- Wie ein Familienunternehmen rational mit dem eigenen Verkauf umgeht – ohne Schuldgefühle, mit klarem Kopf
- Was Corona mit einer bereits angeschlagenen Druckerei gemacht hat – und warum der 13. März 2020 der Wendepunkt war
Über den Gast
Gerd Staehle übernahm als vierter Generation die Druckerei seiner Familie und führte sie über mehr als 20 Jahre durch einen der härtesten Strukturwandel der Branche. Nach dem strategischen Verkauf des Unternehmens ist er heute als Unternehmensberater tätig, mit dem Schwerpunkt Restrukturierung und Sanierung mittelständischer Unternehmen. Seine Stärke: Er kennt die Unternehmerperspektive nicht aus Büchern, sondern aus eigener Erfahrung.
Mehr über Gerd findet Ihr auf staehle-ub.de.
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Vollständiges Transkript
Aufgewachsen neben der Druckerei – aber bewusst auf Abstand
Constantin: Du hast dich entschieden, das urgroßelterliche Unternehmen kurz vor dem 100-jährigen Bestehen zu verkaufen. Aber zunächst: Du bist in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen. Bist du als kleiner Junge zwischen den Druckmaschinen herumgelaufen?
Gerd Staehle: Nein, das war gar nicht so. Ich bin in einem sehr behüteten Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater arbeitete Montag bis Samstag, meine Mutter kümmerte sich um uns drei Jungs. In der Firma war ich als Kind kaum präsent. Ich glaube, mein Vater hat das bewusst so gehalten – er wollte nicht, dass ich als Chefsohn einfach reinlaufe, sondern dass ich mich später, wenn ich mich dafür entscheide, von außen einbringe.
Vorbereitung auf die Nachfolge im Familienunternehmen: Erst draußen Erfahrung sammeln
Constantin: Du bist mit 31 direkt als Geschäftsführer eingestiegen. Wie war deine Vorbereitung?
Gerd Staehle: Ich habe mich relativ spät entschieden, in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Mein Vater hatte die Firma selbst übernehmen müssen, obwohl er eigentlich Physik studieren wollte – als ältester Sohn blieb ihm keine Wahl. Deshalb war er sehr vorsichtig, dass ich das nicht auch so erlebe. Ich musste selbst die Hand heben.
Gerd Staehle: Der Plan war: Druckerlehre, Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart, dann einige Jahre Berufserfahrung außerhalb. Ursprünglich drei Jahre – daraus wurden fünf, weil ich ein hervorragendes Angebot beim damaligen Arbeitgeber annahm. Diese externe Erfahrung war vermutlich die Basis dafür, dass ich direkt als Geschäftsführer einsteigen konnte.
Constantin: Dein Vater hat es also komplett anders gemacht als es mit ihm gemacht wurde. Was war dein Vorteil durch die Zeit außerhalb?
Gerd Staehle: Als ich einstieg, hatte ich bereits als Verkaufsleiter gearbeitet und alle relevanten Stationen durchlaufen. Ich hatte ein anderes Standing – auch gegenüber den Druckern in der Produktion. Die wussten: Der hat Drucker gelernt, dem können wir nicht alles erzählen. Die externe Erfahrung war die Basis dafür, dass ich aus dem Stand heraus Führung übernehmen konnte.
Die Übergabe: Schrittweise, vertrauensvoll, ohne Konflikte
Constantin: Wie lief die Übergabe mit deinem Vater ab? Hat er von heute auf morgen aufgehört oder lange im Hintergrund die Fäden gezogen?
Gerd Staehle: Mein Vater hat es sehr klug gemacht. Er begann mit vier von fünf Tagen, überließ mir den Vertrieb, kümmerte sich selbst um Backoffice-Themen wie Versicherungen und Unternehmensplanung. Nach einem Jahr kam er nur noch an einem Tag pro Woche. Irgendwann meldete er mir kurz, dass er seine Rente beantragt hatte – und kam nicht mehr. Das war seine Art, mir schrittweise Verantwortung zu übergeben und Vertrauen zu zeigen.
Gerd Staehle: Gleichzeitig hat er Gesellschaftsanteile mit meinem Einstieg übertragen. Er hatte seine Altersversorgung immer außerhalb der Firma aufgebaut – das ermöglichte ihm, sich wirklich zu lösen. Und er hat mir danach nie hineingeredet. Manchmal haben wir uns ausgetauscht, aber seine Haltung war: Das ist deine Entscheidung.
Erfolgsfaktoren für eine Nachfolge im Familienunternehmen
Constantin: Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren, die du aus eurer Übergabe mitnimmst?
Gerd Staehle: Erstens eine gute Planung. Zweitens gegenseitiges Vertrauen. Und drittens – das ist der entscheidende Punkt – dass beide Seiten wirklich wollen. Ich wollte einsteigen, mein Vater wollte abgeben. Wenn das nicht zusammenpasst, funktioniert keine Nachfolge. Ich kenne Freunde, die in ihre Familienunternehmen eingestiegen und alle wieder rausgegangen sind – weil es einfach nicht gepasst hat. Es muss von beiden Seiten stimmen.
Constantin: Auch der Partner spielt eine Rolle.
Gerd Staehle: Absolut. Wer aus einer Unternehmerfamilie in die Selbstständigkeit geht, braucht einen Partner, der versteht, dass Arbeitszeiten von 7 bis 19 Uhr keine Ausnahme sind. Das muss man gemeinsam wissen und tragen können.
Strukturwandel in der Druckindustrie: Ein jahrzehntelanger Kampf
Constantin: Ihr wart in einer Branche unter enormem Druck. Wann habt ihr die Krise erstmals massiv gespürt?
Gerd Staehle: Der Kampf begann eigentlich schon in den 90ern. Bewusst realisiert habe ich es mit dem Aufstieg der Internetdruckereien. Die haben zunächst neue Nachfrage geweckt – wer hätte früher seine Geburtstagskarten drucken lassen? – aber später immer mehr in die bestehenden Geschäftsbereiche eingegriffen. Als Mittelständler konnten wir preislich nicht mithalten. Wir punkteten durch Beratung, Qualität und Termintreue. Das hat seinen Preis – und der Kunde musste bereit sein, ihn zu bezahlen.
Gerd Staehle: Die großen Krisen: 2004/2005, dann 2008/2009, dann ab 2016 zunehmend schwieriger. Und dann kam der 13. März 2020. Ein Freitag. Innerhalb eines Tages war ein Drittel unseres Umsatzes weg.
Corona als Wendepunkt: Die Entscheidung zum Verkauf
Constantin: Wie habt ihr auf Corona reagiert – und wie habt ihr die Entscheidung getroffen?
Gerd Staehle: Wir waren durch die vorangegangenen Krisenjahre bereits erfahren. Die ersten Maßnahmen waren Kurzarbeit, Tilgungsaussetzungen, Überbrückungshilfen. Wir wussten schnell, wo wir Geld verdienten und wo nicht. Die Planungsrechnungen zeigten klar: Der verlorene Umsatz kommt nicht zurück. Corona war kein temporärer Einbruch, sondern ein Brandbeschleuniger für den technologischen Wandel.
Gerd Staehle: Wir hatten in den Jahren zuvor versucht, durch Zukäufe in eine wettbewerbsfähigere Größe zu wachsen – das ist nie gelungen, weil Kaufpreisvorstellungen von Käufer und Verkäufer zu weit auseinanderlagen. Also drehten wir die Frage um: Wenn Zukäufe nicht funktionieren und das Geschäftsmodell so nicht mehr trägt – wäre der Verkauf die bessere Lösung für alle?
Familienunternehmen verkaufen: Rational statt sentimental
Constantin: Der Verkauf eines Familienunternehmens ist emotional – das Unternehmen trägt die Geschichte von Opa und Urgroßvater. Wie war das in eurer Familie?
Gerd Staehle: Interessanterweise war das innerhalb der Familie kein großes Thema. Wir Staehles sind offenbar sehr rational. Die Haltung war: Wenn es nicht mehr funktioniert, steigt man ab. Mein Bruder als Mitgesellschafter hat es ähnlich gesehen. Wir haben den Verkauf nie als Scheitern betrachtet, sondern als bewusste Entscheidung. Eher eine Stärke als eine Niederlage.
Gerd Staehle: Stärker niedergeschlagen hat es sich in der Belegschaft – das ist verständlich. Aber innerhalb der Familie war die Entscheidung klar und ohne Zerrissenheit.
Nach dem Verkauf: Unternehmerisches Wissen weitergeben
Constantin: Du bist heute Unternehmensberater in der Restrukturierung. Was machst du anders als jemand, der das nur aus dem Studium kennt?
Gerd Staehle: Ich kenne Unternehmertum nicht aus Büchern, sondern aus eigenem Erleben. Ich war jahrzehntelang in einem wettbewerbsintensiven Umfeld unterwegs, habe Krisen durchgestanden, Fehler gemacht und daraus gelernt. Viele Unternehmen hatten lange Zeit ein stabiles Alleinstellungsmerkmal und merken jetzt plötzlich, dass es keines mehr ist. Ich kann mich in diese Situation wirklich hineinversetzen – weil ich selbst dort war. Das ist der Vorteil, den ich mitbringe.


