Vom Porsche-Manager zum Unternehmer: Unternehmenskauf aus der Insolvenz mit Jürgen Rönsch

Unternehmenskauf aus der Insolvenz, mitten in der Familiengründung, ohne Vorerfahrung in der Selbstständigkeit – Jürgen Rönsch hat genau das gewagt und dabei mehr gelernt als in Jahren im Konzern.

Jürgen war Führungskraft bei Porsche, erlebte die turbulente VW-Übernahme hautnah und stellte irgendwann fest: Im Großkonzern kann er nicht mehr so arbeiten wie er es braucht. Die Konsequenz war radikal – Ausstieg, Eigenkapital zusammenkratzen und ein kleines Wasserbettengeschäft aus der Insolvenz kaufen.

Was klingt wie ein unwahrscheinlicher Karriereschritt, entpuppt sich als lehrreiches Praxisbeispiel für jeden, der den Schritt in die Selbstständigkeit durch Unternehmenskauf wagt.

Das lernst du in dieser Folge

  • Warum der Unternehmenskauf aus der Insolvenz mehr Risiken birgt als auf den ersten Blick sichtbar – und wie man sie minimiert
  • Was ein Asset Deal ist und warum er beim Kauf insolventer Unternehmen der richtige Weg ist
  • Wie der erste Tag in der Selbstständigkeit wirklich aussieht – und warum der erste Verkauf trotzdem ein Verlustgeschäft war
  • Welche Porsche-Prinzipien sich auf ein kleines Einzelhandelsgeschäft übertragen lassen
  • Warum Beratung beim Unternehmenskauf keine Schwäche ist, sondern die wichtigste Investition

Über den Gast

Jürgen Rönsch war Führungskraft bei Porsche und erlebte die VW-Übernahme als einschneidendes Karriereereignis. Nach seinem Ausstieg kaufte er gemeinsam mit seiner Frau das Wasserbetten- und Wellness-Geschäft Ettkus aus der Insolvenz und baute es von Grund auf neu auf. Heute umfasst das Angebot neben Wasserbetten auch Whirlpools, Swim Spas und Poolbau. Ettkus steht für hochgradig individualisierte Produkte und persönliche Beratung.

Mehr über Jürgen und sein Unternehmen findet Ihr auf ettkus.de.

Mehr über den Podcast findet Ihr auf www.family-business-talk.de und über mich auf LinkedIn.

Vollständiges Transkript

Warum steigt man bei Porsche aus?

Constantin: Wir kennen uns noch aus unserer gemeinsamen Zeit bei Porsche. Du warst Führungskraft, wir haben einige Jahre das Büro geteilt. Dann bist du ausgestiegen und habt ein kleines Wasserbettengeschäft aus der Insolvenz gekauft. Warum tut man das?

Jürgen Rönsch: Die Frage höre ich nicht zum ersten Mal. Genau genommen bin ich nicht bei Porsche ausgestiegen, sondern bei Volkswagen. Wie du weißt, hat Porsche versucht, VW zu übernehmen – als kleines Unternehmen den großen Konzern. Das ist gescheitert, und plötzlich befand ich mich inmitten eines Großkonzerns. Dort wollte ich nie arbeiten. Ich hatte viel Verantwortung, aber kaum noch Entscheidungsfreiheit. Als die Freude an der Arbeit dauerhaft auf der Strecke blieb, war der Schritt raus der logische Weg.

Der Unternehmenskauf: Bewusste Entscheidung für überschaubares Risiko

Jürgen Rönsch: Wir waren zu dem Zeitpunkt junge Eltern und hatten eine Immobilie. Wir konnten nicht einfach in ein großes, ertragreiches Unternehmen investieren – das hätte eine erhebliche Verschuldung bedeutet. Also haben wir uns bewusst für eine kleinere Firma entschieden: überschaubarer Kapitaleinsatz, bekannte Produkte, geringes Risiko. Ziel war es, Gehversuche in der Selbstständigkeit zu machen, bevor man größere Schritte wagt.

Unternehmenskauf aus der Insolvenz: Chancen und versteckte Risiken

Constantin: Ein Unternehmen aus der Insolvenz zu kaufen bringt Risiken mit sich – offene Verbindlichkeiten, Rechtsthemen, unbekannte Altlasten. Wie habt ihr das gehandhabt?

Jürgen Rönsch: Wir haben nicht die Firma als Ganzes übernommen, sondern gezielt die Assets – das ist entscheidend beim Unternehmenskauf aus der Insolvenz. Das wichtigste Asset war der Firmenname, der am Markt bekannt war. Aber genau das hatte auch seine Schattenseiten: Ein bekannter Name trägt die Geschichte des Vorgängers mit sich. Kunden meldeten sich mit alten Beschwerden, Forderungen aus früheren Geschäften. Das hat uns eine ganze Zeit lang wirklich beschäftigt.

Jürgen Rönsch: Eines muss man klar sagen: Wenn ein Unternehmen in die Insolvenz geht, gibt es dafür Gründe. Die Produkte, das Angebotskonzept, die Kalkulation – irgendetwas hat nicht gestimmt. Das mussten wir komplett neu aufstellen.

Der erste Tag in der Selbstständigkeit

Jürgen Rönsch: Der Verkaufsprozess zog sich über ein halbes Jahr. Am 28. Dezember 2016 haben wir die Verträge unterschrieben, Silvester gefeiert, und am 2. Januar die Tür aufgesperrt. Wir standen in einem Laden mit Produkten, kannten die Unternehmenszahlen, aber nicht die Einzelpreise der Bauteile oder Ersatzteile. Sprung ins kalte Wasser – genau so war es.

Jürgen Rönsch: Am ersten Tag haben wir verkauft und abends einen Strich drunter gemacht – gar nicht schlecht. Bis wir gesehen haben, was wir tatsächlich eingenommen hatten. Die Kalkulation war unvollständig: keine Logistikkosten, fehlende Bestandteile. Wir haben am ersten Tag draufgelegt. Das gehört dazu.

Neuausrichtung: Das Unternehmen auf links ziehen

Jürgen Rönsch: Die erste Frage war: Warum hat der Laden keinen Profit gemacht? Man muss verstehen, was der Kunde wirklich will – nicht was man selbst für richtig hält. Wenn fünf oder sechs Kunden nach etwas fragen, das du nicht anbieten kannst, weißt du, wo das erste Problem liegt. Also haben wir das Unternehmen komplett neu ausgerichtet: Produkte überarbeitet, Angebotskonzept erneuert, Zulieferer gewechselt, Kalkulation korrigiert. Wer nicht mitziehen wollte, fiel weg.

Was Porsche und ein Wasserbettengeschäft gemeinsam haben

Jürgen Rönsch: Wir haben zwei Dinge von Porsche mitgenommen. Erstens: Qualität kompromisslos erhöhen. Unsere Kunden hatten einen anderen Anspruch als das, was der Vorgänger geliefert hatte. Zweitens: Individualisierung. Früher gab es ein Standardbett in Schwarz – kaufen oder nicht. Heute kann der Kunde aus einem dreistelligen Millionenbereich an Varianten sein Produkt zusammenstellen, bis hin zu Sonderanfertigungen aus Glas. Genau wie bei Porsche: Serienmodell kaufen oder vollständig individualisieren lassen.

Wachstum: Vom Wasserbett zum Wellness-Unternehmen

Constantin: Ihr macht heute weit mehr als Wasserbetten – Whirlpools, Swim Spas, Saunen, Poolbau. Wie soll sich das Unternehmen weiterentwickeln?

Jürgen Rönsch: Zunächst eine wichtige Korrektur: Es ist nicht mein Geschäft, sondern unseres – genau genommen das meiner Frau. Sie war von Anfang an Inhaberin, weil ich noch eine Übergangszeit bei Porsche hatte. Das Vier-Augen-Prinzip hat sich bewährt: In der Selbstständigkeit kann man schnell in die falsche Richtung rennen. Bei uns passiert nichts ohne gemeinsame Abstimmung.

Jürgen Rönsch: Als kleines Unternehmen können wir das Steuer schnell herumreißen – das ist ein echter Vorteil gegenüber Konzernen. Wir müssen das Ohr am Markt haben. Corona hat uns gezwungen, auf Online-Verkauf und Videoservice umzustellen. Das Energiethema hat uns dazu gebracht, Whirlpools mit Photovoltaik-Anbindung anzubieten. Beweglich bleiben ist die Kernkompetenz eines kleinen Unternehmens.

Ein Tipp für alle, die den Unternehmenskauf wagen wollen

Constantin: Was würdest du Hörern raten, die aus dem Angestelltenverhältnis aussteigen und ein Unternehmen kaufen wollen?

Jürgen Rönsch: Ich würde es jederzeit wieder tun. Aber: Bevor man sich Gedanken über das Geschäft macht, sollte man sich fragen, wie man sein Leben gestalten will. In der Selbstständigkeit kann man 24 Stunden am Tag arbeiten – und das muss nicht immer bezahlt werden. Wer das versteht, kann bewusst entscheiden.

Jürgen Rönsch: Das Wichtigste: Holt euch Hilfe. Einen Berater, der schon selbstständig war oder sich mit Unternehmenskäufen auskennt. Jemand, der eine fremde Bilanz liest, die Untiefen erkennt und die Entscheidung absichert. Die meisten scheitern nicht am Mut zum Unternehmenskauf, sondern daran, dass die nackte Angst regiert – weil sie auf zu viele Fragen keine Antworten haben. Dafür etwas Geld zu investieren rentiert sich auf jeden Fall.